Thorsten Kasel: Sonic Seduction‚Äč

Art’pu:l Eupen, September 2021

Zwischen dem M√§dchen von Nebenan und der modernen femme fatale findet der Duisburger K√ľnstler Thorsten Kasel Inspiration im Leben ‚Äď von Bekannten bis zu Musikg√∂ttinnen.

Der Duisburger Maler¬†Thorsten Kasel¬†gibt in Eupen sein Debut mit der Serie¬†Sonic Seduction¬†und den f√ľr ihn typischen Gro√üformaten weiblicher Sch√∂nheiten. Die Portraits jugendlich-femininer Idealtypen des 21. Jahrhunderts, die zuletzt sein Ňíuvre beherrschten, entwickelt er in seiner neuen Serie weiter, indem er sich einer der j√ľngsten Kunstgattungen √ľberhaupt zuwendet: dem Musikvideo der Popmusik.

Clips der ersten Stunde, wie der 1975 zu¬†Bohemian Rhapsody¬†von Queen entstandene Kurzfilm, konstituierten den Beginn der √Ąra der Popvideos. In den Folgejahren wurde diese ma√ügeblich bestimmt durch den amerikanischen Musikfernsehsender MTV, der am 1. August 1981 an den Start ging und noch bis heute ausstrahlt. Dass ausgerechnet der Clip zu¬†Video killed the Radio Star¬†der Buggles als allererstes Video in der mittlerweile 40-j√§hrigen Erfolgsgeschichte des Senders ausgesucht wurde, ist bezeichnend: In symbolischer Vorahnung l√§utete der Titel nicht nur einen Paradigmenwechsel in der Musikindustrie ein, sondern auch in unserem ganzen Musikerleben.

Musikvideos stehen dabei in der Tradition amerikanischer “Sound Slides“, von Hand kolorierter Bilder auf Glas, die im sp√§ten 19. und fr√ľhen 20. Jahrhundert als Hintergrund f√ľr Konzerte und Gesangsauff√ľhrungen in den Pariser Vaudeville-Theatern, den Londoner Music Halls und den amerikanischen Nickelodeons zum Einsatz kamen. Von dort fanden sie ihren Weg in die Filmindustrie und entwickelten sich mit der aufkommenden Animation nach und nach zu einem ganz eigenen Genre.

Blickt man in der Geschichte noch weiter zur√ľck, kann man im Storytelling der Schattentheater des Orients und Indonesiens seit dem 10. Jahrhundert Vorl√§ufer erkennen. Gleiches gilt f√ľr die “crankies“, die kleinen beweglichen Panoramen, die im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und den USA popul√§r waren, um Musikdarbietungen mit visuellen Geschichten zu begleiten.

Anna & Elizabeth (Anna Roberts-Gevalt & Elizabeth LaPrelle), Lella Todd, 2015, Livekonzert, 6:36 min, NPR Music Tiny Desk Concert,
Quelle: youtube.com

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich diese “illustrierten Lieder” mit ihrer Mischung aus Sound und Performance zunehmend zu Gesamtkunstwerken entwickelt. Durch sie wird die Musik nicht mehr nur erg√§nzt, sondern die beiden Darstellungsmittel sind mittlerweile untrennbar miteinander verwoben. Nicht l√§nger ist erkennbar, ob die Musik sich des Bildes bedient oder das Gegenteil der Fall ist. In den Musikvideos der Gegenwart ist der¬†“Paragone“, der Wettstreit der K√ľnste, beigelegt: Bild, Musik und Dichtung stehen als Schwesternk√ľnste Arm in Arm inmitten einer Komposition aus Video, Sound und Lyrics.

Doch hat diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten: Indem das auditive Erleben der Musik durch die visuelle Bildsprache der Videos erg√§nzt wird, “verschwindet” der Song ein St√ľck weit hinter dem bewegten Bild. Wir sind nicht l√§nger Zuh√∂rer, sondern Zuschauer. Dieser Sinnes-Wandel birgt das Potential, dass unsere eigene Vorstellungskraft abnimmt.

Fr√ľher nahm die Geschichte, die uns ein Lied erz√§hlte, in jedem einzelnen unserer K√∂pfe eine eigene Dramaturgie an. Unz√§hlige unterschiedlicher Szenen, Situationen und Gesichter entstanden, mit der sich jeder Geist eine eigene Welt baute. Doch das Video zum Song hebt das Privileg der Imagination auf. Indem die Story vorgegeben wird, indem andere f√ľr uns die Wahl der Kost√ľme, des Aussehens und der Handlung treffen, bedarf es f√ľr uns vor der Massenverdauung keiner individuellen Interpretation mehr.

William James Anderson, aka Will.i.am (*1975), Scream & Shout ft. Britney Spears (Official Video), 2012, Video Still, 2:44 min,
Quelle: youtube.com

In einer intermedialen Welt liegt nun der Medienwechsel vom Musikvideos in die Malerei nahe, insbesondere f√ľr einen K√ľnstler wie Thorsten Kasel, der Inspiration immer direkt aus seiner Lebensumwelt sch√∂pft. Dabei ist f√ľr seine Kunst der Videoclip jedoch nur Inspirationsquelle.

In Sonic Seduction begegnen wir so nicht nur einer gro√üformatigen √úbertragung in das statische Medium der Malerei, sondern wir erleben eine Erweiterung des audiovisuellen Geschichtenerz√§hlens. In Werken jenseits der blo√üen Illustration, f√ľhrt der K√ľnstler uns vor Augen, wie sehr die beiden Medien einander durchdringen, ja bedingen. Dabei ist die Geschichte, die Kasel mit Pinsel und Farbe erz√§hlt, eine andere, als die der Kamera und des Mikrofons.

Wie alle Maler, muss auch Kasel sich aufgrund der der Malerei immanenten Eigenschaft der Stase f√ľr wichtige Moment der Handlung entscheiden, in deren Darstellung er die transiente, fl√ľchtige Qualit√§t des Films √ľberwindet. So bricht er den Musikclip auf kleinste Einstellungen hinunter und durchstreift Szenen, Settings und Sequenzen nach seinen “fruchtbaren Augenblicken”, in dem die Essenz der Handlung kulminiert. In der Flut von Bildern findet er auf diese Weise Mikronarrative, die er f√ľr seine bildk√ľnstlerische Behandlung verwenden und √ľbersetzen kann. Leiten l√§sst er sich hierbei von Impuls und Gef√ľhl. Die Szenen, die er auf der Leinwand einf√§ngt, m√ľssen ihn ber√ľhren, das ist die wichtigste Voraussetzung. Von diesem Startpunkt entfalten sich Momente der Handlung, Augenblicke der Ruhe und Augen-Blicke voller Emotionen.

Thorsten Kasel, Every Eye is on us, 2018, Acryl auf Leinwand, 190 x 110 cm

Meisterlich gelingt es ihm dabei letztlich sogar, den Stillstand des Darstellungsmoments zu √ľberlisten: Das Performative des Films findet sein Pendant im Performativen des Sch√∂pfungsaktes, in dem Kasel das Ephemere der Musikvideos einf√§ngt. Poppig-bunte, √ľbers√§ttigte Farbkl√§nge √ľberlagern einander und bilden so in den Bildkompositionen Symphonien oder Kakophonien – beides bewusst gesteuert und gewollt.

Wild geschleudert, eilig getropft und hastig gegossen, rinnen, zucken und flie√üen die Farben im Staccato ineinander und √ľber die Leinwand, hin zu traumhaften, ja phantomhaften Impressionen. In Farbwahl und Farbauswahl hallt das Echo des schrillen, flackernden Tenors der Musikvideos wider. In seiner √ľbers√§ttigten Technicolor-Welt wird Kasel vor der Leinwand und zum Sound von Indiepop zum Schamanen, im ekstatischen Trancetanz mit seinen Musen.

Thorsten Kasel, Sunnymimmi, 2020, Acryl auf Leinwand, 120 x 80 x 5 cm

Jung, h√ľbsch und lasziv m√ľssen sie sein, Kasels Musen, die seinem ganz pers√∂nlichen Olymp entstiegen und direkt auf seine Leinwand getanzt sind. Dieser Idealtypus ist in seinem Ňíuvre derart pr√§valent, dass auch der Realtypus darauf hin transformiert wird. Auch das M√§dchen von Nebenan wird unter Kasels bildk√ľnstlerischer Regie zum Inbegriff der jugendlichen Verf√ľhrung.

Thorsten Kasel, Late Night Feelings Part 2 (0:42/3:40), 2020, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm

Und in der Musikvideoserie wird dieses Sch√∂nheitsideal noch um eine weitere, spannungsreiche Facette erweitert: Denn die sinnlichen Nymphen aus Sonic Seduction sind nur auf den ersten Blick niedlich.

Mark Bronson (*1975), Late Night Feelings (Official Video) ft. Lykke Li, 2019, Video Still, 0:42 min, Quelle: youtube.com

Hinter der perfekt inszenierten Fassade schimmert etwas Dunkles, lauernd und hungrig. Es ist eben nicht das nette M√§dchen von Nebenan, das durch Kasels Bilderwelt rockt, sondern verf√ľhrerische Sirenen, Variationen der¬†femme fatale ‚Äď gnadenlos selbstbestimmt und sexy, dabei umweht von einem Hauch der Gefahr und des drohenden Verderbens.

Auf der Deutungsebene kommen Erinnerungen an Franz von Stucks Tilla Durieux als Circe und an Edvard Munchs Vampir auf:

Franz von Stuck (1863 ‚Äď 1928), Tilla Durieux als Circe, ca. 1913, √Ėl auf Holz,¬†Alte Nationalgalerie, Berlin, Deutschland

Edvard Munch (1863 ‚Äď 1944), Vampyr (Vampir), 1893, √Ėl auf Leinwand, Munchmuseet,¬†Oslo, Norwegen

Oder an die gro√üen Frauenfiguren der Kunstgeschichte mit den K√∂pfen von M√§nnern: Nachfahrinnen von Judith¬†und Salome sowie der erst k√ľrzlich Furore machenden neuen¬†Medusa mit dem Haupt¬†von Perseus¬†des argentinischen Bildhauers¬†Luciano Garbati¬†– medienwirksam positioniert gegen√ľber des Familiengerichts in Manhattan.

Lucas Cranach d.√Ą. (1472 ‚Äď 1553), Judith mit dem Haupt des Holofernes,¬†ca. 1530, √Ėl auf Lindenholz,¬†Kunsthistorisches Museum, Wien, √Ėsterreich

Lucas Cranach d. √Ą. (1472 ‚Äď 1553), Salome mit dem Kopf Johannes des T√§ufers, 1530er, √Ėl auf Pappelholz,¬†Museum of Fine Arts, Budapest, Ungarn

Luciano Garbati, Medusa with the Head (Medusa mit dem Haupt), 2008, glasfaserverstärktes Harz,
Quelle: www.lucianogarbati.com

Sie alle erz√§hlen auf ihre Weise von der Weibermacht, dem Triumph der Frau und ihres erotischen Zaubers √ľber den Mann: Hier wird die Frau zum Inbegriff der Wollust, der Mann zum liebeskranken Tor. Und dies f√ľhrt uns zur√ľck zu Kasel. Mit eben diesem Blick auf die Weiblichkeit reiht er sich ein in einen Club gro√üer K√ľnstler, deren Darstellungen verh√§ngnisvoller, sirenenhafter Frauen als Projektionsfl√§chen f√ľr m√§nnliche Phantasien im Grunde mehr √ľber die Sch√∂pfer erz√§hlen als √ľber die Dargestellten.

Hans Baldung Grien (1484/5 – 1545), Aristoteles und Phyllis, 1515, Holzschnitt, Papier, The British Museum, London, UK

Als singende Halbg√∂ttinnen in Brassiere, Netzstrumpfhosen, High Heels und √ľbersteigerter Selbstinszenierung, stehen Kasels S√§ngerinnen jenseits von Genderdebatten repr√§sentativ f√ľr alle K√ľnstler:innen im 21. Jahrhundert: So wie es schon l√§ngst nicht mehr reicht, “nur” gute Musik zu produzieren, so reicht es auch schon l√§ngst nicht mehr, “nur” gute Kunst zu machen. Im dritten Jahrtausend kann der K√ľnstler nicht mehr “nur” Meister seines Faches sein, sondern muss mit Pinsel und Farbe versiert umzugehen wissen und dabei gleichzeitig virtuos die Klaviatur der Medien und sozialen Netzwerke spielen.

Thorsten Kasel,
Electricity Vertical Part 4 (1:36/3:58), 2019,
Acryl auf Leinwand, 160 x 90 cm

Silk City & Dua Lipa,
Electricity (Vertical Video), 2018,
Video Still, 1:36 min, Quelle: youtube.com

Die √ľbermenschlichen Darstellungen der Pop-K√∂niginnen werfen die Frage auf, wie viele der heutigen Superstars wirklich das sind, was sie zu sein vorgeben? Hat unsere Generation wirklich derart viele Ausnahmetalente hervorgebracht? Oder sind viele dieser vermeintlichen Universalgenies vielleicht doch eher Produkte mediengewandter Marketingkampagnen und pfiffiger Inszenierungsaktionen?

Und wenn diese gigantischen Allrounder, die unser Leben bev√∂lkern – ja, es vielleicht sogar bestimmen -, nicht das sind, was sie zu sein scheinen, m√ľssen wir uns fragen, welche Vorbilder uns als Projektionsfl√§chen unserer wirklichen Ideale und Ziele noch bleiben? Mit wem teilen wir Werte? Und auf welchen Plattformen begegnen wir diesen Menschen?

Wie sich j√ľngst zeigte, werden diese Fragen besonders spannend in Zeiten der Pandemie. Zur√ľckgeworfen auf unseren eigenen, gerade im urbanen Raum oft sehr kleinen, singul√§ren Orbit, der viele von uns abschnitt von echten menschlichen Begegnungen, spielte sich das gesellschaftliches Leben vor allem virtuell ab. In unsere Echokammer beteiligten wir uns digital an genau dem Weltgeschehen, das uns ansprach, und f√ľhrten Beziehungen mit Menschen, die wir nur √ľber Zoom kannten – und mit den Heldinnen und Helden unserer Bildschirme, gro√ü und klein.

Thorsten Kasel, Late Night Feelings Part 1 (0:06/3:40), 2020, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm

So verbrachten wir in einer zunehmend digitalen Welt mehr und mehr Zeit mit unseren virtuellen Bekannten. Bis die B√ľhnen- und Leinwandstars zu Vertrauten, Verb√ľndeten, Geliebten wurden, die uns anstatt echter Menschen vom Leben erz√§hlten.¬†Kasels enge Auseinandersetzung mit den Protagonistinnen der Musikvideos f√ľhrt uns das auf seine ganz eigene Art vor Augen.

thorsten_kasel_electricity_part_5_2019_160x90x4cm_small.jpg

Thorsten Kasel,
Electricity Vertical Part 5 (2:03/3:58), 2019,
Acryl auf Leinwand, 160 x 90 cm

Silk City & Dua Lipa,
Electricity (Vertical Video), 2018,
Video Still, 2:03 min, Quelle: www.youtube.com

Durch die Auswahl genau eines Moments aus der filmischen Vorlage, f√ľhrt Kasel die Story von dem, was sie im Video ist zur√ľck in das, was sie sein k√∂nnte und befl√ľgelt damit unsere schlummernde Vorstellungskraft.

In Thorsten Kasels Sonic Seduction ist die Musik verklungen und die bewegten Bilder sind zur Ruhe zu kommen. Doch indem er uns genau an dieser Stelle den Pinsel √ľbergibt, erweckt er unsere innere Farbklangwelt zum Leben und verf√ľhrt uns zur Phantasie.

Paperstreet Empire, Troubadour, 2019, Musikvideo mit Malerei von Thorsten Kasel, Quelle: youtube.com

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