Der geteilte Winterhimmel
19. November 2025
Paula Modersohn-Becker (geb. 1876 in Dresden, gest. 1907 in Worpswede), Stillleben mit Kürbis, Gemälde, 1905, Öl auf Pappe, 69,5 x 89,5 cm, Museum Ludwig, Köln, gemeinfrei, Quelle: kulturelles-erbe-koeln.de
Worpswede, 19. November 1907.
Der Wind hat sich gelegt. Das Moor liegt ruhig und sacht da. Nur das feine Klirren in den Spitzen der kahlen Birken erinnert hier drinnen daran, dass der Winter Einzug hält. Im kleinen Haus ist es still, das Kind schläft. Endlich.
Paula sitzt aufrecht im Bett, das Kissen fest im Rücken. Das Licht der Kerosinlampe wirft sanfte Schatten über die Zimmerdecke und hinaus in die Dunkelheit jenseits des Fensters. Auf dem Nachttisch, auf einem kleinen gusseisernen Stövchen, steht eine Tasse, aus der gemütlich Dampf aufsteigt. Daneben liegt der Ausstellungskatalog der wunderbaren Gauguin-Rückschau im Salon d’Automne, der Einband abgegriffen vom vielen Lesen, vom vielen Blättern – vom vielen Lieben.
Draußen ragen die weißen Stämme der Birken wie Knochen aus der kargen Landschaft. Zwei Birken. Paula kennt sie gut und kann ihre Umrisse sogar im Dunkeln erahnen. Weiß vor dem stillen, schwarzen Moor. Erste zarte Schneeflocken tanzen vor dem Fenster, kaum sichtbar, im Lichtkegel der Lampe zur Erde hernieder. Morgen früh, denkt sie, wird Worpswede vielleicht schon weiß sein – bedeckt wie von einem großen, kalten Leichentuch, das sich über alles legt. Doch jetzt, hier, in der kleinen Kammer mit der niedrigen Decke und dem lustig bullernden Ofen mit seinen schimmernden grünen Kacheln, ist es warm. Gemütlich. Behütet.
Der Duft von Apfel und Zimt steigt ihr in die Nase und sie blickt auf die Tasse. Wilhelmine Borchert hatte den Punsch noch vor ihrem abendlichen Heimweg zubereitet. Minna, wie sie hier alle nennen, lässt nur die guten Kaiser-Wilhelm-Äpfel ins Haus. Alles andere, sagt sie, “ist kein rechter Apfel”. Aber Paula glaubt, dass auch die Namensähnlichkeit ein Grund ist.
Sie lächelt sanft und denkt an Bauer Hinnerk, den wettergegerbten Mann mit den rauen Händen und der rauen Stimme und dem Herz aus Gold. Jeden Herbst tuckert er von seinem Appelwisch bei Hüttenbusch los und fährt die Ernte auf einem klappernden Holzkarren über die Dörfer. Wenn im Oktober die ersten Herbstnebel zwischen den Bäumen hängen, hört man im Dorf schon von Weitem das Knarren seiner Wagenräder und weiß: Hinnerk is op’n Weg!
“Frischer Kaiser Wilhelm! Süß und fest!”, hört man ihn dann auf der Findorffstraße laut rufen – und die Kinder laufen ihm entgegen.
Hinnerks Äpfel sind rund und rotbackig, mit herrlichen Rostpunkten und von famoser Farbe, voller Sonne und Geschichte. Sie tragen die Erinnerung an den Sommer, an goldene Nachmittage im Moor und an das Rauschen der Streuobstwiesen in sich. Wunderland, Götterland. In Worpswede kennt jeder den Hinnerk. Er beliefert die Häuser der Dorfbewohner, der Bauern und der Künstler gleichermaßen – und manchmal lässt er ein paar besonders schöne Exemplare für Frau Modersohn in einem Korb an der Haustreppe zurück, “weil sie die Äpfel so malt, dass einem gleich das Wasser im Mund zusammenläuft”.
Und so fand die Sorte auch in diesem Jahr ihren Weg in die Küche auf dem Worpsweder Hügel. Minna hatte die Äpfel im Herbst zu Saft verarbeitet, der nun als köstliches Gold in großen Flaschen auf den Holzregalen im kühlen Keller steht. Heute Abend hatte sie den Süssmost mit Gewürzen vom Kaufhaus Stolte gespickt und alles langsam ziehen lassen, bis das ganze Haus nach “Appel un Kanel” duftete, wie Minna sagt. Bevor sie nach Hause ging, hatte sie die Küche still gemacht und den Topf mit dem Punsch auf den noch warmen Herd gestellt. Otto hat ihn Paula dann später ans Bett gebracht, mit einem kleinen Kluntje Kandis, der lustig in der Greetsiel-Tasse knisterte. Der Gute!
“Ich hab dir einen kleinen Schuss Calvados hinein gegeben,” hat er gesagt und dabei jungenhaft gegrinst, bevor er sie auf die Stirn küsste und loszog – mit Hans, Heinrich und den Fritzes.
Paula kann sie förmlich vor sich sehen: Bei Heinrich im Barkenhoff, im Gespräch vor einem neuen Werk im Werden und gemeinsam pfeiferauchend vor dem lustig prasselnden Kaminfeuer. Clara und Ottilie sind bestimmt auch dabei. Paula packt die Sehnsucht und es zieht ihr ums Herz. Wie gerne wäre sie jetzt dort, würde mit Clara klönen und zeichnen und lachen. Paula zieht ihren wollenen Schulterschal enger um ihr weißes Nachthemd. Doch während der Gedanke noch nachhallt, schaut sie zu Tille in der Wiege, die mit ihren runden roten Bäckchen friedlich schlummert. Und im Nu ist Paula nur noch genau hier, an diesem Ort, in diesem Moment. Liebevoll schaut sie auf ihre Tochter.
Sie nimmt die weiße Tasse mit dem verspielten blauen Blumendekor und spürt die Wärme in beiden Händen. Das Porzellan hat oben eine Macke. Doch wenn man die Tasse ein klein wenig dreht, fällt es kaum auf.
Der Punsch schmeckt süß, nach saftigen Obsthainen im Sonnenlicht. Und auch ein bisschen angenehm bitter, von den Nelken aus Ceylon, dem Muskat von den Molukken, dem südchinesischen Sternanis – und den getrockneten Zitrusschalen, die Mining letztens vom Kolonialwarenladen Holtorf in Bremen mitgebracht hatte, dort, wo man in den Schubladen die ganze Welt der Gewürze findet.
Paula kann den Calvados erahnen. Und denkt an Bernhard, an Paris, an die neue Kunst und all das, was dort hätte sein können.
“Wie schade”, seufzt sie leise vor sich hin.
Bernhard Hoetger und sie – sie hatten sich dort gefunden, in der Stadt der Künstler und des Lichts, wo Formen und Farben irgendwie anders ineinander zu fließen schienen. Er war es, der sie mitgenommen hatte ins Le Petit Bouillon Pharamond – là -bas – in Les Halles. Zwischen bemalten Spiegeln, bois doré und feinen Ornamenten des Art Nouveau hatten sie gesessen, dicht beieinander, und über Tripes à la mode de Caen und Tarte aux Pommes mit Calvados angestoßen – mit dem Traum von einer fortschrittlichen Kunst, jenseits aller traditioneller Normen. Ach, es waren Göttertage! Und Bernhard war es auch gewesen, der ihr zum Abschied die Flasche Calvados ins Gepäck gesteckt hatte. Unbemerkt. Sie hatte die schlanke Flasche mit dem bernsteinfarbenen Ambrosia erst zurück im Teufelsmoor entdeckt. Mit einem kleinen Gruß in seiner Handschrift: “Adieu, ma chère Paula!“
Sie lehnt sich zurück, merkt wie der Abend langsam ausklingt in den flüchtigen Aromen vom Obst des Sommers und den Gewürzen ferner Orten. Das Kind atmet ruhig. Der Schnee fällt jetzt dichter. Doch für einen Augenblick scheint der Himmel geteilt – zwischen dem kalten Licht da draußen und der warmen Glut im Innern, hier, wo Leben und Kunst, wo Liebe und Abschied heute Abend irgendwie anders ineinanderfließen.
L’Or du Teufelsmoor
Berthold Faust (geb. 1935 in Hofheim am Taunus, gest. 2016 in Kriftel), Kaiser-Wilhelm-Apfel, Zeichnung, 2021, Quelle: shop.pomologen-verein.de
Zutaten (für 2–3 Tassen):
500 ml naturtrĂĽber Apfelsaft (idealerweise von alten Sorten, z. B. Kaiser Wilhelm, Bischofshut, Echter Winterstreifling)
1 Zimtstange
2–3 Gewürznelken
1 Sternanis
1 kleine Prise frisch geriebene Muskatnuss
Schale einer halben unbehandelten Orange oder Zitrone
1–2 TL Kluntje Kandis, brauner Zucker oder Honig (nach Geschmack)
2–4 cl Calvados
Zubereitung:
Apfelsaft mit GewĂĽrzen und Zitrusschale langsam erhitzen, nicht kochen.
Etwa 10 Minuten bei kleiner Hitze ziehen lassen.
Kluntje Kandis, braunen Zucker oder Honig in eine vorgewärmte Tasse geben.
Den Apfelsaft durch ein feines Sieb abseihen und in die Tasse gieĂźen.
Mit Calvados verfeinern, umrĂĽhren und heiĂź servieren.
Tipp: Wer mag, kann den Punsch alkoholfrei genieĂźen oder alternativ zum Calvados mit einem Schuss Apfelbrand oder Cidre abrunden.
Ein Schluck Geschichte
Deutscher Pomologen-Verein, Kaiser Wilhelm, Illustration 64,
aus: Deutsche Pomologie. Aepfel, Quelle: library.wur.nl
Der Apfel, aus dem dieser Punsch gemacht ist, trägt Geschichte in sich – als Frucht und als Spiegel seiner Zeit. Es ist der “Kaiser Wilhelm”, kräftig, rund und leuchtend wie eine späte Sonne, die sich noch einmal über das Moor legt, ehe der Winter kommt.
Eine Sorte, die bereits um 1900 in Norddeutschland weit verbreitet war. Rotgold, würzig, nordisch-robust – wie geschaffen für die schweren, dunklen Böden rund um Bremen und Worpswede, wo das Moor die Wurzeln nährt und die Kälte den Geschmack verdichtet. Seine Früchte speichern das Licht des Sommers und schenken es im Winter als Wärme zurück – in Kuchen, im Saft, im Punsch, in den Händen und in den Herzen.
Doch geboren wurde dieser Apfel nicht am Rand der Moore des Nordens, sondern viel weiter südlich, an den Ufern des Rheins: Man schrieb das Jahr 1864, als der Hauptlehrer und Pomologe Carl Hesselmann (1830–1902) in seinem Schulgarten am Haus Bürgel bei Monheim diese neue Frucht entdeckte. Zwischen den vertrauten Bäumen und Sträuchern stach ihm eines Tages eine kräftige, rundliche Frucht ins Auge, mit einer Schale wie glühende Kohlen und einem Duft, der selbst an frostigen Tagen noch vom Sommer erzählt.
Hesselmann war ein Mann mit Sinn für das Besondere und für gute Geschichten, die bleiben. Begeistert von dieser neuen Sorte, wollte er ihr einen Namen geben, der Bestand haben würde. Und was lag im Jahr 1864, im Glanze des jungen Kaiserreichs, näher, als sie nach dem Herrscher selbst zu benennen? Fünfunddreißig Früchte schickte er als Geschenk an den Hof Kaiser Wilhelms I., begleitet von einem höflichen Gesuch, den Apfel in kaiserliche Ehre zu taufen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Der Kaiser zeigte sich angetan und erlaubte den Namen für “diesen wahrhaft majestätischen Apfel“. Die Paradiesfrucht hatte ihren Platz in der Geschichte gefunden.
Mit diesem Akt der höfischen Aufmerksamkeit begann der Triumphzug des “Kaiser Wilhelm”. Bald schon stand er in Schul- und Pfarrgärten, auf den Streuobstwiesen Westfalens und am Rand der Moorhöfe in Worpswede. Ein Apfel fĂĽr alle, vom BĂĽrger bis zum Bauern, von der Malerin bis zur Magd.
Er gehört zur Familie der Goldrenetten, ist würzig, süß-säuerlich, mit einem Hauch von Himbeere im saftigen Fleisch und einer Haut wie herbstliches Licht: goldüberhaucht, mit tiefem Rot an den Wangen. Ein Apfel mit Geduld, der selbst im Januar noch duftet, als käme er frisch vom Baum und hätte die Wärme des Sommers bewahrt, um sie an kalten Wintertagen weiterzugeben.
Und so fließt er nun, hier in unserem L’Or du Teufelsmoor, in einen winterlichen Punsch, der nach Äpfeln, Zimt und Erinnerung schmeckt. Ein Schluck Geschichte, ein Hauch von Fernweh – und eine kleine Verneigung vor dem goldenen Glanz des herbstlichen Moors, das Paula Modersohn-Becker einst so liebte.
Hinweis:
Dieser Text ist ein Werk der Fiktion. Obwohl viele Anspielungen auf reale Orte und Personen enthalten sind, erhebt er keinen Anspruch auf historische Authentizität.
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Quellenangabe:
Nathalie Krall, Der geteilte Winterhimmel, 2025, https://www.nathalie-krall.art/texts/der-geteilte-winterhimmel/.
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